{"id":227,"date":"2016-12-08T12:55:44","date_gmt":"2016-12-08T11:55:44","guid":{"rendered":"http:\/\/asylkreis-oftersheim.de\/?p=227"},"modified":"2016-12-08T12:55:44","modified_gmt":"2016-12-08T11:55:44","slug":"abenteuer-messstetten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/asylkreis-oftersheim.de\/?p=227","title":{"rendered":"Abenteuer Me\u00dfstetten"},"content":{"rendered":"<p>Die Rawa-Familie aus dem Irak soll zu ihrem zweiten Interview nach Me\u00dfstetten kommen, Termin Montag, 14.11. 2016, 13 Uhr hei\u00dft es klar in dem Brief. Ich entschlie\u00dfe mich, mitzufahren, denn ich will wissen, wie man unsere Fl\u00fcchtlinge behandelt. Ich will ihnen auch irgendwie zur Seite stehen.<\/p>\n<p>Wo aber liegt Me\u00dfstetten? Nach der Postleitzahl k\u00f6nnte es bei Heilbronn sein \u2013 aber der Blick auf die Karte zeigt eine ganz andere Gegend: Schw\u00e4bische Alb.<br \/>\nAch ne, ich ziehe mein Angebot zur\u00fcck, sie mit dem Auto hinzufahren. Vielleicht ist es einfacher und gem\u00fctlicher, den Zug zu nehmen. Man kann sich dann ja auch miteinander besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Ich suche aus dem bahn.de eine Verbindung heraus, na, da sind wir 20 Minuten vor dem Termin dort, wenn wir um 8 abfahren. Aber Rawa will die fr\u00fchere Verbindung nehmen und Ramad, ihr 8-J\u00e4hriger erkl\u00e4rt mir, \u201ewenn Z\u00fcge sp\u00e4t\u201c, denn wenn sie nicht p\u00fcnktlich da sind, werden sie wieder nach Hause geschickt und m\u00fcssen auf einen neuen Termin warten. Die beiden gro\u00dfen Kinder wollen unbedingt mit, ich schreibe ihnen f\u00fcr die Schule eine Entschuldigung.\u00a0 Ich erfahre au\u00dferdem, sie bekommen ein Baden-W\u00fcrttemberg Ticket ersetzt, also nehmen wir die langsamen Z\u00fcge.<\/p>\n<p>Hinterher wei\u00df ich: Sie haben in allen Vorschl\u00e4gen und Bitten Recht gehabt \u2013 Kinder und Mama. Ich bin froh, dass wir ihren Vorstellungen gefolgt sind.<\/p>\n<p>Montag, Bus Abfahrt um 5:43 in Oftersheim am Rathaus. Sie sitzen, als ich 2 Minuten vor Abfahrt komme, auf der verkehrten Seite. R\u00fcber! Wir warten. Kein Bus, der uns nach Schwetzingen zum Bahnhof f\u00e4hrt. Dann erz\u00e4hlt Zahra, dass vorhin schon einer gekommen ist! Also fr\u00fcher kam als der Fahrplan sagte.<\/p>\n<p>Was tun?<\/p>\n<p>\u201eBleibt hier, ich hole mein Auto!\u201c<\/p>\n<p>Gesagt getan. Wie ich es sp\u00e4ter noch \u00f6fter erleben werde, \u201efunktionieren\u201c die Kinder ohne Murren und Klagen. Schnell nach Schwetzingen. Wir sind kaum eine Minute auf dem Bahnhof, f\u00e4hrt unser Zug nach Stuttgart ein. Ich lache! Geschafft!!<\/p>\n<p>Wir setzen uns nach oben, haben einen weiten Blick in die Dunkelheit, aber irgendwann mal d\u00e4mmert es und dann sehe ich auch die Sonne aufgehen. Sch\u00f6n! Zwischendrin packe ich das \u201eerste Quartett\u201c f\u00fcr den f\u00fcnfj\u00e4hrigen Yusuf aus und kann gleich die Regeln daf\u00fcr in die Tonne werfen. Er macht sie selbst! Und irgendwann mal verfeinert er sie, das merke ich an seinen Reaktionen, wenn ich was \u201efalsch\u201c ablege. Die Kartenhalter sind klasse! Zahra hab ich ein M\u00e4dchen-Mandala Buch mitgebracht und Ramad kann ich ein Duden-Kindergartenbuch in die Hand dr\u00fccken und mit ihm lesen.<\/p>\n<p>Stuttgart! Oh es ist kalt \u2013 eine Stunde warten auf diesem Bahnhof ist ziemlich ungem\u00fctlich. Aber keiner klagt. Auch nicht unser J\u00fcngster.<\/p>\n<p>Da unser Zug, richtige Nummer, richtige Zeit, richtiges Gleis.<\/p>\n<p>Wir steigen ein. Wir fahren los. Mitten in dem L\u00e4rm des fahrenden Zugs eine Durchsage, die ich aber nicht verstehen kann. Der Zug ist geteilt, ein Teil f\u00e4hrt nach Horrenberg, einer nach Aulendorf. Kein Zugbegleiter, den ich fragen kann, auf welcher Strecke denn unser (kleiner) Zielort \u2013 ich habs schon vergessen, wie er hie\u00df \u2013 sein kann, vielleicht Balingen? Erst mal fahren wir, kommen in T\u00fcbingen an. Ist es da, dass der Zug geteilt wird? Ich frage einen jungen Mann, er \u00fcberlegt, da mischt sich ein alter ein und sagt, wir m\u00fcssten rasch in den ganz vorderen Teil umsteigen. Die Kinder sind schnell bereit, wir hasten raus \u2013 sehen die R\u00fccklichter des Zugs. Ich wieder rein zu dem alten Mann: In einer Stunde kommt der n\u00e4chste, den Sie nehmen k\u00f6nnen. Also warten wir auf dem kalten Bahnsteig. Zug kommt,<\/p>\n<p>da ist ein Zugbegleiter, der uns kritisch anschaut, wir seien ja doch keine Familie. Das BW Ticket sei f\u00fcr Familien. Ich sage, das hab ich nirgends gelesen. Ja, es sei auch kompliziert und gibt uns die gestempelte Karte wieder. Kein Zugbegleiter danach hat sowas nochmal gesagt\u2026<br \/>\nDer Zug f\u00e4hrt uns nach Balingen (?), dort sollen wir den Bus Nr. 17 nehmen. Wo ist der Busbahnhof? Ich frage und erhalte eine Antwort. Da sind ungef\u00e4hr 12 verschiedene Stationen. Ich frage wieder, ein junger zigarettenrauchender Mann z\u00fcckt sein Smartphone. Der Busfahrer sagt, ja, er f\u00e4hrt nach Tieringen, aber nicht nach Me\u00dfstetten, das sei nochmal ein anderer Bus. Der Smartphone-Mann wei\u00df dann, dass dieser Bus dann um 11:15 abf\u00e4hrt, also eine Stunde Aufenthalt dort in Tieringen. Ich denke, immer ein Schrittchen n\u00e4her ans Ziel \u2013 egal. Es wird sich schon was geben.<\/p>\n<p>Wir kommen jetzt in den Winter, in Eis und Schnee. Wir sind in Tieringen an der Bushaltestelle nach Me\u00dfstetten. Industriegebiet. Kein Lokal zum Aufw\u00e4rmen. Keine Klagen der Kinder. Rawa l\u00e4sst Zahra mir sagen, dass ein Taxi jetzt gut w\u00e4re, sie hat Angst, den Termin zu verpassen.<\/p>\n<p>Taxi. Hier? Nichts zu sehen.<\/p>\n<p>Ich beschlie\u00dfe, in die n\u00e4chste Firma zu gehen und sto\u00dfe auf eine f\u00e4hige und energische Sekret\u00e4rin (?). \u201eK\u00f6nnen Sie uns helfen, wir brauchen ein Taxi nach Me\u00dfstetten.\u201c Ich verschweige, dass Rawa ein Smartphone hat, weil ich auch nicht damit umgehen kann. Telefonb\u00fccher werden gew\u00e4lzt, ein wartender Mann hilft auch dabei. Der Chef taucht mal auf \u2013 er kriegt wohl alles mit. Aber schlie\u00dflich wird ein Taxiunternehmen gefunden, es ist in ca. 15 Minuten hier. Wir gehen wieder hinaus in die K\u00e4lte. Zahra ist gerade ganz verschlossen, sagt nichts, ich spiele Schneewerfen mit Yusuf, der begeistert ist. Schlie\u00dflich kommt ein gro\u00dfes Taxi, schlie\u00dflich sind wir zu f\u00fcnft und die Fahrerin Frau Kaufmann, eine kr\u00e4ftige patente Blonde packt erst die Kinder ein, gurtet sie an \u2013 kein Protest! Sie erz\u00e4hlt, sie wei\u00df, wohin wir wollen, kennt den Ort, sie f\u00e4hrt \u00f6fter Fl\u00fcchtlinge. Ah wie angenehm! Nun geht\u2019s weiter hoch, alles ist schneebedeckt, wundersch\u00f6ne Tannenw\u00e4lder in wei\u00df getaucht. Etwas Nebel. Frau Kaufmann lebt hier und findet die raue Alb wundersch\u00f6n. Viel Schnee? 3-4 Meter sind nichts und meist hat es in der H\u00e4lfte des Jahres Schnee!<\/p>\n<p>Ganz oben auf dem Berg setzt sie uns ab, an der Pforte der sogenannten LEA. Der Servicemann sucht und findet die Familie auf seiner Liste und zeigt ihnen, wo sie hin m\u00fcssen. \u201eIch kann Sie aber nicht reinlassen\u201c sagt er zu mir. \u201eIst verboten. Ich kriege gro\u00dfen \u00c4rger, wenn ich es doch mache.\u201c Und da steh ich mitten in der Ein\u00f6de am Rand der Kasernen, die von der Bundeswehr stammen, ein eiskalter Wind weht, d\u00fcrftig gebremst von ein paar Plastikw\u00e4nden. Meine Familie ist verschwunden, sie kriegen was zu essen und machen dann das Interview. Wir haben nichts ausgemacht, weil ich ja auch nicht wei\u00df, was jetzt mit mir passiert.<br \/>\n\u201eWas mach ich denn jetzt mit ihnen?\u201c fragt der Servicemann und hat dann eine Idee. Es ist 11.30. VIEL Zeit f\u00fcr mich. Vielleicht nimmt mich die Taxifahrerin mit runter nach Albstadt und ich kann da ins Warme und Mittag essen. Sie macht es, f\u00e4hrt gerade eine Fl\u00fcchtlingsfrau zum Arzt. Und wie komme ich da wieder hoch zu der Kaserne? Im Bahnhof eine B\u00e4ckerei mit St\u00fchlen, ein belegtes Brot, Tee, mein Buch. Und WARM!!!<br \/>\nWie lange soll ich da warten? Wie komm ich wieder hoch? Raten, sp\u00fcren. Vor 14 Uhr werden sie nicht fertig sein, denke ich. Wieder frage ich und erfahre, dass da ein Bus hoch f\u00e4hrt und zwar bald. Nichts wie rein. Oben erkennt mich der Servicemann wieder und offenbar ist meine Familie noch nicht herausgekommen. Hier, denke ich, w\u00e4re ein Smartphone ja wirklich nicht schlecht. Also ich warte bei ihm, interviewe ihn, er erz\u00e4hlt mir sein Leben, sein Vater, Dresden, \u00dcbersiedlung in den Westen und ich erfahre von seiner einf\u00fchlsamen Haltung den Fl\u00fcchtlingen gegen\u00fcber. Das gef\u00e4llt mir sehr gut. Aber daneben vergeht die Zeit und die Eisesk\u00e4lte nagt an meinen Zehen, meinen Beinen, meinen Armen. Au weia, so gefroren hab ich schon lange nicht mehr. Ich zittere schon. Lenke mich immer wieder ab mit dem Gespr\u00e4ch mit \u201eArnold\u201c, so wird er genannt. Ich mache mir Sorgen. Ist ein langes Interview ein schlechtes Zeichen? Er hat nat\u00fcrlich keine Ahnung aber ist freundlich und sagt, manchmal dauert es eben lang. Nach 1 \u00bd Stunden warten hat es ein Ende. Sie sind da und ich freu mich wie eine Schneek\u00f6nigin, umarme sie und erkl\u00e4re, welche Optionen wir nun haben. Der Bus kommt erst um 17.30 nochmal. Noch so lange in der K\u00e4lte will ich nicht bleiben und entscheide, Taxi. Rufe auf Rawas Smartphone an, jetzt hab ich die Telefonnummer. Frau Kaufmann kommt in 15 Minuten, h\u00f6re ich und freu mich wieder, dass sie da ist!<\/p>\n<p>Im Bahnhof Albstadt ist ein etwas m\u00fcrrischer Servicemann (welch Widerspruch!) von der DB, der druckt die Heim-Verbindungen aus \u2013 wow, bald sind wir wieder zu Hause \u2013 aber es ist die Verbindung mit dem ICE! Die gehen nicht mit dem Baden-W\u00fcrttemberg-Ticket. Also nochmal hin. Jetzt wird\u2019s klarer. Es wird wieder dauern. Erst in Albstadt in der B\u00e4ckerei eine Stunde warten, die Kinder essen das von Mama mitgebrachte, ich eine hei\u00dfe Schokolade \u2013 die Rawa unbedingt bezahlen will. OK gern. Dann sitzen wir im Zug nach Stuttgart. Dort gibt\u2019s in dem Umbaubahnhof wieder mehr als eine Stunde Aufenthalt. Wir laufen herum, ich renne mit dem Rucksack auf dem R\u00fccken mit Yusuf an der Hand die Strecken ab. Er lacht. So sch\u00f6n unbek\u00fcmmert! Dann der Zug nach Karlsruhe. Kann kaum glauben, dass er eine ganze Stunde dorthin braucht. (Ich bin die ICE Dauer gewohnt). Aber er tut es. Meine F\u00e4higkeit, mich spielerisch mit Yusuf zu besch\u00e4ftigen, sinkt, ich bin KO. Er darf malen, hab ja einen Zeichenblock und Farben dabei.<\/p>\n<p>Karlsruhe. Wieder 40 Minuten in der K\u00e4lte warten. Wir gehen in den Gang runter, da bl\u00e4st der Wind nicht so sehr, wieder rennen wir beide, der J\u00fcngste und die \u00c4lteste durch die G\u00e4nge. \u00a0Die drei anderen schauen uns zu.<br \/>\nIch frage, wie das Interview war. Offensichtlich gut. Rawa l\u00e4sst mich bitten, ob ich helfe, dass sie eine Wohnung finden, denn der Papa wird wohl auch bald kommen.<\/p>\n<p>Dann unser letzter Zug. Um 9 Uhr sind sie in Oftersheim, Ramad und Zahra z\u00e4hlen die Minuten. Rawa l\u00e4sst mich fragen, ob ich zum Essen mit komme, NEIN, ich brauche Pause, Ruhe. Fahre nach Schwetzingen weiter und hole mein Auto ab. Was ein Tag!<\/p>\n<p>Ich habe die Kinder, die Familie besser kennen gelernt und bewundert, wie erzogen sie sind und wie man mit ihnen auch Abenteuer bestehen kann und wie gut Rawa auch den anstrengenden Yusuf im Griff hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ulrike Franke<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Rawa-Familie aus dem Irak soll zu ihrem zweiten Interview nach Me\u00dfstetten kommen, Termin Montag, 14.11. 2016, 13 Uhr hei\u00dft es klar in dem Brief. Ich entschlie\u00dfe mich, mitzufahren, denn ich will wissen, wie man unsere Fl\u00fcchtlinge behandelt. 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